Ausbildung oder Berufserfahrung – was ist bei einer Bewerbung wichtiger?

Wenn man die jüngsten Entwicklungen auf dem Ausbildungsmarkt beobachtet, scheint sich die Frage, was für eine Bewerbung wichtiger ist – Ausbildung oder Berufserfahrung – ganz von selbst zu beantworten. Denn ein Studium an einer deutschen Fachhochschule oder Universität ist inzwischen DER Standard. Daher gibt es auch immer mehr Schüler, die die Allgemeine Hochschulreife anstreben. Das Credo lautet demzufolge ganz offensichtlich: nur wer erfolgreich studiert hat, wird überhaupt noch bei einem Bewerbungsgespräch berücksichtigt. Im Gegenzug bleiben immer mehr Ausbildungsstellen im Handwerk unbesetzt. Doch ist diese Logik stimmig? Wollen Firmen auf dem freien Markt wirklich Menschen, die mit 28 oder 29 Jahren noch keinerlei Berufserfahrung nachweisen können? Kurzum, was ist wichtiger: Theorie oder Praxis?

Da in den seltensten Berufen die Möglichkeit einer dualen Ausbildung besteht, die den theoretischen mit dem praktischen Anteil genau zu halben Teilen verbindet, muss man sich entscheiden, ob man den eher theoretischen Weg (Studium) oder den eher praktischen Weg (Ausbildung im Handwerk oder ähnlichem) beschreitet. Welches ist der Königsweg? Gibt es ihn überhaupt?

Während eines Studiums bieten sich je nach Art des Studienganges und des gewählten Studienfaches verschiedene Möglichkeiten und Pflichten, zusätzlich zur Theorie auch anwendungsbezogene Erfahrungen zu sammeln: in Form von Praktika, Auslandssemestern (Sprachkompetenz) oder als studentische Hilfskraft in Diensten eines Lehrstuhlinhabers. Sofern man sich entsprechend bemüht, wird man eine Möglichkeit finden, bereits Erfahrungen zu sammeln, die sich sehr gut im Lebenslauf machen. Nicht zuletzt durch eine prekäre finanzielle Situation sind Studierende ohnehin mehr und mehr gezwungen, während des Studiums Nebenjobs anzunehmen. Auch das sollte man als Chance sehen, reelle Berufserfahrungen zu sammeln, da sie bei einem späteren Bewerbungsgespräch Pluspunkte einbringen können. Schlussendlich wird es doch immer so sein, dass man die meiste Erfahrung erst durch den Beruf selbst erlangen kann – wozu man ihn freilich erst einmal bekommen muss. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Aber das wissen auch diejenigen, die die Bewerbungsgespräche leiten.

Bietet also eine Ausbildung im Handwerk bessere Chancen auf eine Einstellung? Dazu muss man sich erst einmal darüber im Klaren sein, dass die Konkurrenzsituation von akademisch Ausgebildeten und in der Berufsschule bzw. im Betrieb Ausgebildeten oftmals gar nicht besteht. Wo sie besteht, hängt die Entscheidung oftmals wohl eher davon ab, wie man sich als Mensch präsentiert und verkauft. Ist man willig, als Akademiker die praktische Erfahrung, die einem fehlt, innerhalb kurzer Zeit nachzuholen? Ist man also immer noch lernwillig und denkt trotz mangelnder Berufserfahrung nicht, dass man schon alles kann? Ist man hingegen als Nicht-Akademiker willens, die ein oder andere Weiterbildung zu absolvieren, vielleicht sogar ein arbeitsbegleitendes Studium, um seinem Vorgesetzten zu beweisen, dass man nach oben strebt und sich nicht mit dem zufrieden gibt, was man bisher erreicht hat? Das sind die entscheidenden Dinge, über die man sich im Vorfeld klar werden muss – bevor man sich für oder gegen ein Studium bzw. eine Lehre entscheidet, spätestens jedoch, bevor man ein Bewerbungsgespräch führt. Da es per se keine richtigen oder falschen Entscheidungen gibt, zählt nur das Ziel. Wenn man das fest vor Augen hat, ist der genaue Weg dorthin nicht entscheidend und man bleibt flexibel – Theorie hin, Praxis her.